Söhne der Wüste

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Es wird Abend in den Straßen von Khunchom. Und diese Abendszeit ist nicht länger die Zeit der Geschäfte, Gespräche und der lauten Worten in der niemals schlafenden Stadt. Nein, es beginnt die Zeit des Lauschens, des Träumens und dem Wandeln zu fernen Orten, Zeiten und Geschehnissen. Die Stunde der Geschichtenerzähler. Der bärtigen Männer, gezeichnet durch die Zeit und geformt durch die Ströme des Sandes. Ihre Augen brennend von der Schärfe ihrer Worte und ihre Stimme durchdringend bis ins Innerste selbst. Weiß man auch, dass Geschichten oft nur ein bloses Enfliehen der echten Welt sind und viele dieser Alten niemals erlebten, was sie erzählen, so ist man doch gefesselt, wenn sie zu erzählen beginnen. Man vergisst den Tag, die Last der Arbeit und der Verstand selbst weicht der Fazination.

Und so seid auch Ihr es, der vergisst, was heute war, welche Aufgaben noch vor Euch sind und welche Pflichten euch obliegen. Ihr lauscht seinen Worten. Selhamar al’Gulham ben Jalif.
Der Geschichtenerzähler eures Viertels und der beste Geschichtenerzähler ganz Khunchoms, das ist gewiss. Er nimmt gerade noch einen Schluck des leicht würzigen Tees, schaut in die Runde der Straßenkinder, fremder Reisenden und erschöpfter Arbeiter, welche sich wie so häufig schon in der kleinen Seitenstraße der Färbergasse gesammelt haben. Ein paar Letzte eilen noch schnell herbei, um einen Platz auf seiner Reise zu bekommen. Leise fragen sich die Kinder, wohin es heute gehen mag. Sie verstummen, als seine volle Stimme erklingt.

„Die Nacht. Es wird kalt. Doch uns wird in dieser Nacht nicht kalt werden, das ist gewiss. Lauscht Selhamars Worten! Bei Rastullah, ich habe es mit den eigenen Augen gesehen. Das Feuer. Das ewig Brennende. Das niemals Erlischende. Alles vergeht durch das Feuer zu Asche.“ Er beugt sich ruckartig nach vorne und haut mit der Pfeife auf den Tisch. Glimmende Asche und Rauch vertteilen sich. Die Kinder in der ersten Reihe, welche schon völlig in den Worten versunken, zucken ängstlich nach hinten. Eins der abgeraften Straßenkinder lacht über seinen ängstlichen Freund, wird jedoch mit einem Hieb in die Seite sofort ruhig gestellt. Khunchom war immer Rau. So wie die Wüste nur den Stärksten überleben läst, so tut es diese Stadt ebenso. Selhamar schmunzelt und beginnt die Pfeife erneut zu stopfen.

„Ihr kennt die Fackeln an den Läden. Ihr kennt das ewige Öl des Sultans, mit dem er seinen Palast erleuchtet. Und ihr kennt das stille Feuer der Wüste, welche schon viele verbannt hat, ob nun von außen oder Innen. Und ihr kennt die Hitze der Sonne über uns. Aber ich rede noch von einem anderen Feuer. Ewigem Feuer. Hungrigem Feuer! Unlöschbarem Feuer! ….. Drachenfeuer!“

Er erzündet sich seine Pfeife mit einem Zündelholz, welches kurz sein im Schatten liegendes vernarbtes Gesicht in der ansonsten düsteren, kalten Nacht beleuchtet.

„Bei Rastullah, es gibt sie. Und sie sind immernoch Teil dieser Welt. Drachen. Sie sind hier unter uns. Zwischen uns. Neben uns. Es ist eine Prüfung unseres Gottes. Unsere Pflicht als seine Diener. Echsenzüniges Pack, das sich einst auflehnte und selbst zu Göttern ernannte. Dachte sich Unser zu bemächtigen. Aber wir sind stark und Rastullah gab uns seine Gebote um noch stärker zu werden und der Verlockung durch die Drachenworte zu wiederstehen!“ Es wirkt fast, als wenn der Alte in eine Art Ekstase zu verfielen schien. Er sammelt sich wieder und sinkt erneut in den weichen Stuhl zurück, welchen er wie an jedem Abend aus Aschims Teppichgeschäft bekommen hatte.

„Aber lasst mich vorne beginnen und die Drachen erst einmal in ihrem ewigen Schlaf. Alles began mit einer Expedition. Einer magischen Expedition. Hier in unserer Stadt. Der Expeditionsleiter war kein geringerer als der ruhmesvolle Magister Hilbert von Puspereiken. Träger der mithrilenen Kompassnadel und Dekan der Kammer der Wandlung zu Festum. Mit wallenden Roben stand er in seinem Arbeitszimmer, zwischen den Artefakten und Schriftstücken von längst vergangenen Völkern. Beim Durchsuchen der tiefsten Kammern der Bibliothek unserer Dracheneiakademie, war er auf einen Hinweis gestoßen. Einem Hinweis, welchem er nachgehen wollte. Er zog gerade das vierte Blatt des seltenen Pvasterikos-pergaments hervor, welches er mit der Tinte aus Blutulmenharz beschrieb. Es waren Einladung, welche mit dem magisch eingebrantem Akademiesiegel versehen und durch Dschinne in die verschiedensten Regionen Aventuriens gebracht wurden. Auch in die Länder der Ungläubigen. Sogar in die nördlichsten Regionen in denen es das Eis gibt, erstartes Wasser. Man munkelt eine der Einladung soll sogar bis in die dämonenverseuchten Ländern der Paktierer geflogen sein. Welches Übel zog er sich damit wohl herauf. Aber er war sich sicher. Der Hinweis deutet auf ein Wendung des Schicksals hin und es war nun an Ihm, Magister Hilsbert von Puspereiken, die fähigsten Streiter aller Länder zu vereinen……“